(DIE ZEIT, 23.12.1994)
Wie animierend Reiseberichte sein können, hat die enorme Wirkung von Heinrich Bölls »Irischem Tagebuch« gezeigt. Nun liegt mit Fahrten zur Smaragdinsel. Irland in Deutschen Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts eine lesenswerte Sammlung von zwölf Beiträgen aus der Zeit von 1843 bis 1880 vor.
Sie sind nach geographischen Gesichtspunkten geordnet, so daß die Lektüre gleichsam auf eine Rundreise durch Irland führt. Nimmt man eine Landkarte zur Hand und vollzieht den Weg der deutschen Reisenden nach, so wecken ihre Schilderungen gleichermaßen Erinnerung und Neugier.
Ausgehend von Dublin und Umgebung, werden Eindrücke und Erfahrungen mit Landschaft, Menschen und Kultur in deren Eigenheit und Fremdheit vorgestellt. Weiter geht es über den warmen Süden in den rauhen Westen, eine Fahrt auf dem Shannon gehört dazu und ein Besuch der beeindruckenden Naturkulisse des Giant Causeway.
Daß die Eigenheiten dieser Insel an der Peripherie Europas besonders deutlich werden, das liegt an der Wachheit der Reisenden, ihrer Aufmerksamkeit gegenüber den Problemen des Landes und seinen politischen Konflikten. Der Entwicklung des irischen Unabhängigkeitskampfes bringen vor allem die Achtundvierziger, die im eigenen Land unterlegen waren, kritische Bewunderung entgegen. Das Interesse der Autoren gilt auch der keltischen Kultur, den Sagen und Mythen, und deren erstaunlicher Gegenwärtigkeit im Bewußtsein der Iren.
Die stimmige Komposition der Textsammlung, gerahmt von Erläuterungen zu den Autoren, elf Abbildungen nach zeitgenössischen Stichen und einem Nachwort zur deutschen Irlandromantik, bietet ein Lesevergnügen, das wunderbar einstimmt auf die vielen auch grausamen Besonderheiten Irlands.
Frauke Hamann