Ein schönes Machwerk war das, und zwar in drei Bänden - Prinz Kuckuck. Leben/Taten/Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings. Ein Schlüsselroman, den der Verfasser Otto Julius Bierbaum seinem ehemaligen Partner bei der Gründung des Inselverlags gewidmet hat: Alfred Walter Heymel. Auch der dritte im Bunde, Heymels »Vetter« Rudolf Alexander Schröder tritt darin auf. Die Anführungszeichen erklären sich aus Heymels Abstammung. Der uneheliche Sohn eines unbekannten Vaters, hinter dem man den spanischen König Alfons XII. vermutete, wurde von einem Bremer Großkaufmann adoptiert, der mit der Familie Schröder verwandt war.
Der Veröffentlichung des Kuckuck-Romans ging ein Erpressungsversuch seines Verfassers voraus, den der mit seinem immensen Erbe sonst überaus freigebig umgehende Heymel zurückwies. Bierbaums Porträt war nicht das einzige Zerrbild, das von Heymels exzentrischem und schillerndem Charakter im Umlauf war. Schon kurze Zeit, nachdem der 21jährige nach München gekommen war und sich in der Leopoldstraße 4, der Geburtsstätte des Inselverlags, eine ungeheuer kostspielige Wohnung hatte einrichten lassen, waren die Exzesse des jungen Millionärs Stadtgespräch. Hinter der Legende verschwanden die geistige Bedeutung und die Noblesse des Mannes. Mit seiner akribisch recherchierten Biographie unternimmt Theo Neteler nun acht Jahrzehnte nach Heymels frühem Tod (er starb 36jährig im November 1914 an Tuberkulose, nachdem er für seine Teilnahme an den ersten Schlachten des Weltkriegs noch das Eiserne Kreuz erhalten hatte) den ersten Versuch einer objektiven Darstellung von Leben und Werk.
Er ist, soweit das bei diesem verwirrend vielseitigen und widersprüchlichen Gegenstand möglich war, auf bewundernswerte Weise gelungen. Hinter der Maske des Snobs, Lebemanns und Ehrgeizlings, der lieber in Bremen als in München lebte, weil er hier nicht mehr »so absolut zu den ersten Zehn« seiner Umgebung zu gehören glaubte, kommt der seriöse Heymel zum Vorschein. Er empfand es als seine Pflicht, »die intellektuellen und kulturellen Bestrebungen, die Geste, die Gebärde, den Stil, den Takt, den Rhythmus, die Melodie der Zeit zu fördern«, und er engagierte sich im Rahmen dieses Lebensprogramms in geradezu verzehrender Aktivität. Im Zentrum stand dabei der Wunsch, dem guten Buch eine entsprechend schöne Gestalt zu geben - eine Idee, der wir zum Beispiel die von englischen Buchkünstlern ausgestatteten Klassiker-Ausgaben des Inselverlags verdanken: auf feinstem Dünndruckpapier in klarer Type und biegsamen Leinen- oder Ledereinbänden. Ein Prospekt des Verlags vom Herbst 1906 formulierte als Vorzüge der Edition, »daß sie auch bei stundenlangem Lesen die Hand nicht ermüdet, daß sie in der Tasche, im Reisekoffer und im Offizierstornister bequem mitgeführt werden kann und an jedem Ruheort zu geistiger Erfrischung verhilft«.
Neteler widmet neben der einer Fieberkurve gleichenden Lebensgeschichte dieses »Abenteuers von einem Menschen«, wie ein Freund ihn nannte, dem Schriftsteller und Übersetzer, dem Verleger und dem »Kulturvermittler« (Heymel war nicht nur ein großer Mäzen, sondern auch ein bedeutender Sammler) jeweils ein eigenes Kapitel. Da Heymel schon wegen seiner Verwandtschaft mit Schröder in den illustren Kreis der Hofmannsthal, Kessler, Bodenhauen, Borchardt gehorte, fallen aufschlußreiche Seitenblicke auf diese umworbenen und ihm an Treue nicht immer gewachsenen Freunde. Er steht, schrieb Kessler über den jungen Rudolf Alexander Schröder, »in Wissen und Urteilsfähigkeit auf der Stufe eines minderbegabten Unterprimaners«, und von Hofmannsthal heißt es in einem Brief Heymels von 1912, er sei »wieder ekelhaft verzogen, unträtabel und launenhaft« gewesen, Verhaltensweisen, die wohl auch auf den Schreiber zutrafen.