Buchbesprechung von Fridolin Furger, Der kleine Bund, Bern, Mai 1997

Tong-gyu Hwang schrieb anfänglich eine eher persönliche, in den 70er Jahren verstärkt auch sozialkritische Lyrik. In der Folge des Massakers von Kwangju wandte er sich von der engagierten Dichtung ab. Er begann, sich intensiv mit dem Zenbuddhismus und dem kulturellen Erbe Koreas zu beschäftigen. In den 80er Jahren wurde dies, als Reaktion auf den raschen ökonomischen Wandel, zu einer wichtigen Strömung in der südkoreanischen Literatur.

«Windbestattung», 1995 erschienen, ist ein Zyklus von siebzig Gedichten, die in rund vierzehn Jahren entstanden. Für die Übertragung des schön gestalteten Bandes erhielt das Übersetzerduo Kim Miy-He und Sylvia Bräsel den «Daesan-Literaturpreis» eine der bedeutendsten Auszeichnungen für südkoreanische Literatur. Der Titel «Windbestattung» bezeichnet eine alte, heute verbotene Tradition bei Fischern, auf Inseln Leichen Wind und Sonne auszusetzen, um sie für eine spätere Bestattung zu konservieren. Mit diesem im ersten Gedicht verarbeiteten Ritual ist bereits das Grundthema des gesamten Bandes gegeben, der sich als vielschichtige Meditation über den Tod und das Leben angesichts des ständig näherrückenden Endes liest.

Wie im Eröffnungsgedicht bricht der Dichter häufig die Grenze zwischen Leben und Tod auf. Der Tod erscheint als unabdingbarer Teil der menschlichen Existenz. Die Schönheit der Natur und jeder Augenblick des Erlebens erhalten erst durch das Bewusstsein der Vergänglichkeit ihre ganze Wichtigkeit und Bedeutung. Neben der Dankbarkeit, an der Lebensfülle der Welt teilhaben zu dürfen, tritt in vielen Gedichten eine Haltung auf, die den Tod akzeptiert, ja teilweise sogar herbeisehnt. Den letzten Atemzug will der Dichter dann mitnehmen, um nochmals über diese Welt lachen zu können. Eine ständig wiederkehrende Vorstellung ist diejenige vom Tod als Rückkehr zum friedvollen Ursprung, als ein sanftes Entschlafen, als Möglichkeit, «unbemerkt aus der Zeit (zu) fallen».

Zahlreich treten in dem Band Namen von Orten, Flüssen und Bergen auf, vor allem auch von Stätten des Buddhismus. Der Bezug zum Zenbuddhismus und zum Zen-Meister Li-chi dient im vierten Gedicht sogar einer Art von poetischem Positionsbezug. Lukacs und Bachelard zusammen mit Buddha erwähnend, bringt der Autor eine Kritik an den Dogmen einer engagierten und einer «reinen» Literatur an, deren schematischen Gegensatz er andernorts in einem Essay zur Einordnung seines Werkes als untauglich bezeichnet.

Hwang Tong-gyus Gedichte sind vordergründig recht leicht zugänglich, erweisen sich dann aber als ebenso unergründlich wie ihr Thema. Seine mit feinem poetischem Gespür gestalteten Bilder sind ebenfalls meist dem Bereich der Natur entnommen, deren Zyklus den Kreislauf von Leben und Tod verkörpert. Nur selten Ausdruck eines Augenblicks ungetrübter Euphorie, erscheint die Natur oft als Metapher der «versickernden Zeit»: Herbstbilder, sich entblätternde Bäume, die Eintagsfliege, die, ohne ein einziges Mal geschlafen zu haben, bereits ihr Ende findet, oder (im letzten Gedicht) der kleine Vogel, der, mutmasst der Beobachter, vielleicht sein eigenes Sterben im Wasser gespiegelt sieht.

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