Rezension von Elmar Schenkel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.2.1998

Die Zeitungen der Cherokees
Westwärts: Paul Metcalfs amerikanische Grenzgänge

Nachdem er sein Hauptwerk geschrieben hatte, fiel Herman Melville dem Vergessen anheim. Er starb als Zollinspektor am Hafen von New York. Obskurität haftet auch seinem Urenkel Paul Metcalf an, der gleich seinem Vorfahr in den Berkshire-Bergen im westlichen Massachusetts lebt. In seinem Fall ist es aber womöglich umgekehrt: der lebenslang Unbekannte könnte jetzt im Alter von achtzig Jahren entdeckt werden. Bis vor einem Jahr gab es überhaupt Zweifel an der Existenz dieses Schriftstellers, auch wenn er gelegentlich von William Gass, Wendell Berry oder Robert Creeley gerühmt wurde. Da seit 1997 die gesammelten Werke dieses letzten überlebenden der »Black Mountain School« erscheinen, könnten derartige Zweifel jetzt behoben werden.

Melvilles Präsenz im Werk Metcalfs ist nicht nur heimlicher Natur. Metcalf hat sich immer wieder mit der ästhetik und Philosophie seines großen Vorfahren beschäftigt. In »Moby-Dick« etwa hat er als einer der ersten eine Art Spermatologie gewittert, einen Reiseführer für Spermien auf der Fahrt nach dem Ovum. Metcalfs Werken fehlt allerdings der Umfang, der auch Monumentalität bedeutet. Prosatexte wie »Genoa«, »Patagoni« und »Waters of Potowmack« bilden kein Massiv, sondern sind bewegliche Erkundungen in den Wäldern von Geschichte, Ethnologie, ökologie und Politik, die mühelos Gattungsgrenzen überspringen und einen fortlaufenden Kommentar zum amerikanischen Traum und Trauma darstellen.

Exemplarisch führt dies sein frühester Roman »Will West« (1956) vor, der jetzt als erstes seiner Werke auf deutsch in der ansprechenden Übersetzung von Anke Schomecker vorliegt. Will West ist Eigenname wie Bewegungsprogramm. Will ist Cherokee-lndianer, der Baseball spielt. Er läßt sich mit einer weißen Frau ein, es kommt zu einer Vereinigung am Strand, die plötzlich umschlägt: er wird zum Mörder an der Frau, ohne dies selbst zu verstehen. Er flüchtet nach Westen, zunächst zur Mutter, lebt noch einmal oder eigentlich zum ersten Mal Mythen und Rituale der Cherokee durch, flieht weiter mit einem Trucker bis an den Mississippi.

Das ist fast schon alles. Die Liebesepisoden sind lyrische Collagen, wie um zu zeigen, daß Poesie etwas mit Liebe zu tun hat oder daß beide Zustände ähnlichen hormonalen Steuerungen unterliegen. Die Fluchtbewegungen werden zunehmend durch historische Einsprengsel konterkariert, in denen sich die indianische Geschichte, die Geschichte der europäischen Besiedelung und die des amerikanischen Bürgerkriegs durchdringen. Insbesondere die Eroberungszüge der Spanier unter de Soto, der Anfang des sechzehnten Jahrhunderts Florida und die Gebiete bis zum Mississippi nach Gold und Sklaven durchzog, um im Vater der Flüsse zu enden, ist Vorbild jener Westbewegung, der der Protagonist folgt.

Damit spielt Metcalf auch auf jene andere Westbewegung an, die als »Trails of Tears« (Weg der Tränen) in die amerikanische Geschichte eingegangen ist. Präsident Andrew Jackson setzte sich im Jahre 1838 über Verfassungsbeschwerden hinweg und vertrieb die Cherokee im Rahmen seiner Politik der Zwangsumsiedlung an den Mississippi und bis nach Oklahoma. Die Cherokee waren im übrigen nach unseren Begriffen weiter entwickelt als die hill-billies und Glücksritter, die sich ihr Land aneignen sollten; sie besaßen eine eigene Verfassung, Gesetzgebung, Zeitungen sowie Bücher in der eigenen Sprache. Vielleicht hätte ein indianischer Autor mehr aus diesem Fundus gemacht als der Neuengländer Metcalf, bei dem diese historische Schicht nur schemenhaft durchscheint. Sein Interesse liegt eher auf dem unverarbeiteten Experiment namens Amerika. Ein Experiment, das, wie dieses Buch zeigt, noch keinesfalls abgeschlossen ist, weil es aus so vielen unfertigen Geschichten besteht. »Wir sind gefährlich«, räsoniert der Cherokee Will, »weil wir angereichert sind mit der Energie der Vergangenheit.«

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