Kerben im Zeitholz


Siegfried Schaarschmidt war den Interessierten als Übersetzer japanischer Literatur bekannt. Daß er auch Gedichte schrieb, erfuhren die Leser durch einzelne Veröffentlichungen in dieser Zeitung. Nun hat seine Witwe, Irmtraud Schaarschmidt-Richter, eine Sammlung aus dem Nachlaß herausgegeben. Der Lyrik aus fünfzig Jahren ist ein resignierender Tonfall eigentümlich. Indem sie in jungen Jahren zurück und in späten nach vorne schaut, redet sie stets von der Vergänglichkeit. Schaarschmidts Kunst kennt keine Zukunft außer dem Tod. Das bindet die Stücke in diesem Sammelband trotz der Spanne ihrer Entstehungszeit zusammen

»Ritz ich Abschied in das Land« - das könnte das Motto sein. Die Kindheit, die vergangene, ist ein wichtiger Topos, der Frühling, der noch einmal wiederkehrt, ein anderer. Der Krieg ist die frühe Erfahrung, das Alter die späte. Zwischen vertaner Chance und nahendem Tod lauert die Vergeblichkeit: »So sehen wir einer den andern / an und suchen ein Leben zurück / in den faltigen Gesichtern das Lächeln / aufzublättern mit dem am Ende / die einen Geschichten / anders angefangen / hätten.« »Ach! daß der Frühling käme noch einmal.« Die Jahreszeitenmetaphorik, die Bilder vom blühenden Baum, vom kahlen Ast durchziehen Schaarschmidts Gedichte. Manchmal führen diese Bilder in die Nähe harmloser Idyllik, doch gibt es immer den dunklen Unterton, der sie rettet.

Im letzten Zyklus »Vor der Überfahrt« werden die Todesahnungen allesbeherrschend. Das kranke Herz nicht mehr halten zu können, den Schritt ins Leere zu tun, von der fremden Woge verschlungen zu werden: Für diese Angst hat Schaarschmidt immer neue Bilder gefunden. Zuletzt trieb ihn eins um: »daß ich zuletzt überhaupt und mit Anstand entkomme«. Vorletztes Jahr ist er entkommen; seine Gedichte geben seinem Namen einen guten Klang.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.8.2000

 

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